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Ein Mann im Bann der Märchen

Märchen – die sind doch nur für Kinder. Klaus Dörre beweist das Gegenteil. Der charismatische Erzähler zieht als „Grüne Schlange" Erwachsene im ganzen Land in den Bann der Märchen – und gibt vielen dadurch Kraft und neuen Lebensmut.

Mystisch ist das Kraftfeld, zudem sich die aufgewühlte Förde, imposante Baumriesen mit ihren rauschenden Dächern und die vom Wind in Wellen gelegten Gräser der zum Wasser abfallenden Wiesen vereinen. Die miteinander spielenden Elemente wirbeln die Sinne auf – und beruhigen dennoch die Seele.

Die tiefe Stimme und die Präsenz von Klaus Dörre verstärken diese Ambivalenz, die den Alltag hinter dem Horizont abtauchen lässt. Einen besseren Ort als hier, gleich hinter der weißen Kirche am Meer, hätte der Märchenerzähler für sein Atelier nicht finden können. So spannungsreich wie der Ort sind auch die Märchen aus aller Welt, die Klaus Dörre – nach seinen Tätigkeiten als Elektrotechnik-Ingenieur, als Segel- und Skilehrer sowie nach seinem Psychologiestudium vor 20 Jahren zu seinem Beruf gemacht hat. Fast täglich ist er seitdem in Kindergärten, Schulen sowie auf Vortrags- und Seminarreisen unterwegs. Mit dem Repertoire der „Grünen Schlange"– der Name seines Ateliers – zieht Dörre auch immer mehr Erwachsene über die Grenzen Schleswig­Holsteins hinaus in den Bann der Märchen, ihrer fantastischen Inhalte und des immer währenden Kampfs zwischen Gut und Böse. „Mit dem Verstand wird man Märchen nicht gerecht", sagt Klaus Dörre. Sie sind alles andere als Kinderkram. Denn ursprünglich wurden Märchen nur für Erwachsene aufgeschrieben, meist deutlich derber und direkter als die romantischen Versionen, zu denen viele Märchen –zum Beispiel durch die Interpretationen der Grimm-Brüder – später verklärt wurden.

Klaus Dörre
Tief verwurzelt in der Welt der Märchen: Klaus Dörre hinter einem der Baumriesen, die vor seinem Atelier stehen. (Foto: Dewanger)

„Durch Märchen wurden Bilder für tiefste Wahrheiten und Sehnsüchte der menschlichen Seele gefunden", sagt der Experte. Aber diese über Jahrhunderte weiter getragenen Weisheiten sind den meisten Erwachsenen heute fremd geworden. Doch nicht den Kindern – sie finden den Zugang meist sofort. Und die Kinder hätten – anders als viele Eltern –auch keine Probleme mit den Grausamkeiten der Märchen. „Sie wissen intuitiv, dass ein abgeschlagener Kopf für eine Bestrafung steht – und natürlich wieder korrigierbar ist, wenn aus einem bösen ein gutes Wesen wird", sagt Dörre. Auch die Stiefmutter, die lügt, vergiftet und tötet, ist ein Symbol - „für die Folgen, wenn stiefmütterlich mit den Wünschen des Herzens umgegangen wird“, sagt Dörre. Für ihn lautet die wertvollste Botschaft der Märchen: So hoffnungslos das Chaos auch erscheint, durch Mut und Vertrauen ist ein gutes Ende möglich.

Doch überhaupt den Weg in die Welt der Märchen zu öffnen, erfordert bei vielen „Großen" ein hartes Stück Erzählkunst. „Besonders bei Männern, bei Führungskräften und Technikern. Aber ich liebe diese Herausforderung – und ich kriege fast alle", sagt Dörre.

Wie gut es tut, an diesen Punkt zu gelangen, ist für den Märchenerzähler mit Blick auf aktuelle Ergebnisse der Hirnforschung erwiesen. „Märchen sind der große Bruder des Traums", sagt Dörre. Wie groß die Sehnsucht nach einer Welt jenseits der Vernunft und der Glaube an die Kraft von Träumen in den vergangenen Jahren geworden sind, würden die großen Erfolge so märchenhafter Stoffe wie „Harry Potter" oder „Der Herr der Ringe“ zeigen.

Besonders erfolgreich seien Märchen in der Arbeit mit Behinderten, beispielsweise zum Abbau von Aggressionen. „Ein spannendes Arbeitsfeld für mich", sagt der Vater von vier großen Kindern. Für sie erfand er zum Einschlafen Tausende Zwergengeschichten – und schärfte so seine Erzählkunst. „Die kann man nicht wirklich lernen. Man muss Bilder zulassen, anfangen zu erzählen, ohne zu wissen, wo es hingeht.“

Dann gelingt der spannende und entspannende Schritt in eine märchenhafte Welt an diesem Ort, hinter der kleinen weißen Kirche am Meer. Für diese Brücke steht die „Grüne Schlange", das Symbol, das dem Atelier seinen Namen gab.

ANJA WERNER

Dieser Artikel erschien am 23.09.2009 im Flensburger Tageblatt.


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